Wenn man heute „Yoga“ hört, denken viele zuerst an akrobatische Verrenkungen, schlanke Körper in teuren Leggings und Avocado-Latte-Aficionados, die aussehen, als wären sie einem Lululemon-Katalog entsprungen.
Im Yoga geht es nicht darum, deine Zehen zu berühren, oder wie krass du in die Rückbeuge kommst. Nicht darum, was du anhast, oder wie du aussiehst. Im Yoga geht es darum, was du auf dem Weg nach unten über dich lernst.
Über 300 Millionen Menschen weltweit praktizieren Yoga: in Schulen, Krankenhäusern, Altersheimen, Gefängnissen, Wohnzimmern und Studios. Und trotz ihrer völlig unterschiedlichen Leben berichten fast alle dasselbe: „Ich fühle mich danach besser.“ Ruhiger. Klarer. Wacher. Weniger gestresst. Mehr bei sich.
Aber wie kann eine einzige Praxis all das bewirken?
Eine kontemplative Praxis, keine Sportart

Auch wenn Yoga optisch aussieht wie ein ästhetischer Sport, so ist doch eigentlich eine kontemplative Praxis, eine Schule des Innehaltens. Seine Wurzeln liegen im Hinduismus und Buddhismus, aber sein Inhalt ist universell.
Im Yoga Sutra des Patanjali (2. Jh. n. Chr.) heißt es:
„Die Praxis wird zur großen Tugend, wenn wir sie unabhängig von Herkunft, Ort, Zeit oder Situation befolgen.“ (Yoga Sutra 2.31
Yoga ist also nicht exklusiv, nicht religiös, nicht elitär, sondern ein Weg der inneren Rückkehr.
Die ersten Hinweise auf diese Praxis finden sich in den Veden (ca. 1500 v. Chr.), den ältesten spirituellen Texten Indiens. Das Wort Yoga stammt vom Sanskrit-Wort yuj – anjochen, verbinden.
Stell dir einen Reisenden in einer Kutsche vor, die von fünf Pferden gezogen und von einem Kutscher geführt wird. Der Reisende ist die Seele. Die Kutsche in der er sitzt ist der Körper. Gezogen wird die Kutsche von den fünf Pferden, den fünf Sinnesorganen. Der lenkende Kutscher ist der Geist. Das Geschirr das er benutzt um alles zu verbinden und zusammen zu halten, das ist Yoga.
Yoga ist die Kunst, Körper, Sinne, Geist und Seele so miteinander zu verbinden,
dass du als „Reisende“ die Richtung deines Lebens wieder selbst wählen kannst.
Yoga in den alten Texten, drei wunderschöne Definitionen
1. Yoga als Weg (upaya)
Im Yoga Sutra (2.26) wird Yoga als upaya beschrieben: ein Weg, der uns hilft, zwischen unseren Gedankenmustern und der Realität zu unterscheiden und Verwirrung zu beenden.
2. Yoga als Verschmelzung (yuj)
Die Kutschen-Metapher erinnert daran: Yoga ist die Verbindung von Körper, Atem, Geist und innerer Wahrheit.
3. Yoga als Samadhi, ein Zustand tiefster Präsenz
In den Upanishaden (ca. 800–500 v. Chr.) wird Yoga als Zustand von Samadhi beschrieben:
absolute Klarheit, Erkenntnis und ein Gefühl von „Ich bin“.
Yoga ist also sowohl der Weg, als auch der Zustand.
Warum wir mit dem Körper beginnen: Der erste Zugang zum Jetzt

Viele Menschen verbringen ihr Leben im Kopf. Wir denken, analysieren, planen, vergleichen, oft ohne es überhaupt zu merken. Wir sind überall, nur nicht bei uns. Darum beginnt Yoga dort, wo wir am leichtesten drauf zugreifen können: beim Körper. Denn in den Asanas (den Haltungen) geht es nicht darum, elegant auszusehen, sondern darum:
- Wie fühlt sich die Haltung an?
- Wo spüre ich etwas?
- Wie lenkt mich mein Geist ab? Wo wandert er hin wenn ich gedanklich abdrifte?
Das ist die hochgerühmte Achtsamkeit. Das ist wie wir wieder in den Körper kommen und die Wechselwirkung zwischen unseren Gedanken und unserem Empfinden wieder entdecken und bewusst wahrnehmen.
Der Atem als Brücke zum Nervensystem: Eine innere Forschungsreise

Unser Atem ist dabei das Portal zu dieser inneren Wahrnehmung, denn er wirkt direkt auf unser Nervensystem: flacher Atem → Stress, Fluchtmodus; tiefer Atem → Ruhe, Verbundenheit. Grob gesagt aktivieren wir durch bewusste Atmung unser Entspannungs- und Regenerationssystem.
Mittlerweile wissen wir dass chronischer Stress die (in-)offizielle Volkskrankheit Nr. 1 ist. Yoga ist eines der wenigen Werkzeuge, mit denen wir direkt am Nervensystem arbeiten können. Denn wie du atmest, bestimmt, wie du denkst. Und wie du denkst, bestimmt, wie du fühlst und lebst.
Wenn unser Nervensystem sich beruhigt, beruhigt sich auch unser Geist.
Dann können wir zum ersten Mal wirklich sehen, was in uns eigentlich vorgeht. So macht uns Yoga zu Forscherinnen unseres eigenen Innenlebens:
- Woher kommt dieser Gedanke?
- Ist das meine Stimme, oder eine alte Konditionierung?
- Muss ich so reagieren? Oder kann ich anders wählen?
Du kultivierst eine intime Beziehung zu deinem Körper, deinem Atem, deinem Geist, deinen Gefühlen, deinem Alltag, deinem inneren Kompass. Zuerst auf der Matte: Ärgere ich mich, wenn etwas nicht gelingt? Gebe ich zu schnell auf? Werde ich ungeduldig, sobald ich etwas kann? Dann im Leben. Schritt für Schritt. Sanft. Nachhaltig.
Fazit: Yoga ist ein Weg zurück zu dir

Man kann also sagen Yoga ist eine kontemplative Praxis, die konkrete für jeden nachvollziehbare Schritte gibt die zu Bewusstsein, Selbstkenntnis und Freiheit führen. Während uns so viel auf der Welt trennt, verbindet uns Yoga wieder mit uns selbst, unseren Mitmenschen und der Umwelt, weil geistige Klarheit, Mitgefühl und Liebe den Kern dieser Praxis bilden.
Aber das Beste ist, du probierst es selbst aus und entscheidest für dich. Wie sagte schon Pattabhi Jois „Practice and all is coming“.


